Interview mit Dr Amina TALL

Vorstellung

Mein Name ist Amina Tall. Ich habe u.a. Germanistik auch in Senegal, Frankreich und Deutschland studiert; derzeit bin ich bei der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (DAG) tätig mit Fokus auf Nordafrika wie auch Nahen Osten und Golfregion.

Fulfulde u.a. ist meine Muttersprache. Als Sprache ist es im dritten Rang insgesamt hinter Swahili und Haussa in ganz Afrika, wo ich großgeworden bin und diese Kultur als eigene Ausgangskultur habe. Mit mindestens 50 Millionen Menschen ist es die größte ursprüngliche nomadische Volksgruppe weltweit, die in über 25 Staaten West-, Zentral- und Ostafrikas lebt. Die Könige der Fulbe herrschten vor der Kolonialisierung Afrikas über ein Gebiet, das größer war als die Gebiete von Spanien, Frankreich, Deutschland und Polen zusammen.

Das Klima wird trockener, die Temperaturen steigen, die Regenzeit wird kürzer, die Ressourcen und das fruchtbare Land knapper. Dadurch verschiebt sich die Erntezeit oder die Wanderrouten der Nomaden werden mit neuen Feldern der Farmer belegt. Mit den Herden wandern sie auf der Suche nach Wasserquellen und fruchtbarem Boden. Konsequenz: Konflikte zwischen den 35 Millionen nomadischen Fulani-Hirtenvölker und sesshaften Bauern in 15 Ländern West-Afrikas nehmen zu. Viele Nomaden sind Flüchtlinge geworden oder werden sesshaftig und verlieren dadurch ihre kulturelle Identität. Viele werden diskriminiert und als Terroristen gekennzeichnet. “Viehkolonien” in einigen Regionen könnten die Viehzucht ankurbeln und die Spannungen lindern. Dazu kommt, dass Fulbe-Frauen mehr von Beschneidung bzw. Kinderehen betroffenen seien und bei Ihrer Wanderung von anderen Ethnien denunziert werden.

Neben Ihrem Engagement im Bereich des Klimaschutzes sind sie auch Leiterin der Geschäftsstelle der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres au Burkina Faso. Lassen Sie uns aber heute über Ihr Engagement als Klimaschutz-botschafterin reden. Sie sind seit Jahren engagiert in diesem Thema, schon als Studentin hatten Sie schon Menschen aus deinem Kreis /Dorf ermutigt Obstbäume/Bäume zu pflanzen zum Erhalt von Natur und zum Klimaschutz. Heute geht Ihr Engagement noch weiter. Inzwischen sind Sie auch: “Ambassadrice en Humanité in der Moringa Projekt zum Schutz der Natur gegen Klimawandel”. Können Sie mir mehr über das Projekt erzählen und uns sagen was Sie bewegt?

Ich unterstütze seit 2014 das spartenübergreifende Kulturfestival Leelal im Grenzgebiet Burkina Faso, Mali, Niger zur Förderung der kulturellen Vielfalt und des sozialen Zusammenhalts der Gemeinden in der Region Liptako-Gourma und dadurch der gemeinschaftlichen Sicherheit und hoffe, dass diese Art von Initiative nachhaltig wird.

Das Festival  hat sich zu einer Plattform für Künstler und Künstlerinnen sowie soziokulturelle Projekte entwickelt und eröffnete neue Wege, die auf einen respektvollen Umgang der Menschen untereinander und mit ihrer Umwelt hinwirken.

Zur Statistik: Bisher gab es 5 Ausgaben in der Sahel-Hauptstadt Dori, mit Gastspielen der Preisträger in Ouagadougou, Ouahigouya, Berlin, Hamburg, Wien. Zuschauer: 13.800, darunter 2.200 Kinder an 12 Tagen mit Künstlern wie Dicko Fils und Saadjo Kodda sowie Sahel-Truppen darunter Bilital und Gourmantché.

Die Klimakrise in meiner Heimat Burkina Faso betrifft besonders Frauen, die über ihren täglichen Kampf gegen die klimabedingten Auswirkungen kämpfen. Frauen leben auf dem Land meist von Subsistenzlandwirtschaft, sind zuständig für die Ernährung ihrer Familien und die Trinkwasser-Versorgung. Die Dürren gefährden ihre Ernährungssouveränität. Sie müssen mehr Zeit auf den Feldern investieren und haben dadurch weniger Möglichkeit für Bildung, zusätzliche Lohnarbeit oder politische Partizipation. Die Geh-Wege werden länger, um Wasser zu holen, erhöht auch die Gefahr, angegriffen und vergewaltigt zu werden. Trotz Arbeit in der Landwirtschaft haben Frauen kein Recht auf Landbesitz.

1975 übernahm Wetzlar eine Patenschaft für die Stadt Dori in der Sahelzone; charakteristisch für diese Gegend ist nämlich die Wüste. Dass das Thema Klimawandel auch an diesem Ort immer wichtiger wird, zeigt der Beitrag von Revierförster Thomas George. Er schildert für das Kulturfestival der gemeinnützigen Initiative “Leelal” von Anfang Oktober 2020, wie sehr die klimatischen Veränderungen Einfluss auf Bäume und Pflanze nehmen. Das Video ist auf dem Youtube-Kanal der Stadt zu sehen: https://tinyurl.com/y5qc5o9n

Der Vortrag wurde als Videobotschaft mit französischem Untertitel in Dori gezeigt wegen der Corona-Pandemie. Leelal ist ein soziokultureller, sportlicher und ökologischer Verein in Burkina Faso. Er leistet Hilfe zur Selbsthilfe für die schwächen Bevölkerungsschichten sowie für Künstler und Künstlerinnen durch Trainings, Festivals und auch Sportturniere. Rund 300 besonders benachteiligte Frauen und Mädchen will Leelal durch das Bepflanzen einer zwei Hektar-Fläche mit Moringa-Bäumen unterstützten. Ihre Früchte sind vitamin- und mineralstoffreich und dienen nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch Frauen dabei helfen, ihre Einkommen mit der Ernte der Früchte und deren Verkauf aufzubessern, ferner die Ausbildung ihrer Kinder zu steigern. Konferenzen, Künstler-Animationen und Workshops zur Gründung eines Kleinunternehmens fanden auch virtuell statt, um Frauen und ihren Familien auf nachhaltige Weise ein solides Einkommen zu erwirtschaften, damit die Kinder zur Schule gehen können.

Was sind die Herausforderungen so ein Projekt durchzuführen?

Erstens) Finanzierung: Mit einer Spende unterstützte Wetzlar das Wiederaufforstungsprojekt von Leelal, das ich gerade beschrieben habe, außerdem mit einem Filmbeitrag. Dafür bedanke ich mich nochmals herzlich.

Zweitens) Ressourcen finden und motivieren: Für die Durchführung der Workshops konnte ich eine Vorstandskollegin akquirieren: ich bin nämlich in weiteren Organisationen aktiv.

Drittens) Dazu kommen natürlich die Nachhaltigkeit-Aspekte: wie geht es nun weiter?

In Bezug auf Burkina Faso und andere afrikanischen Länder, muss ich zugeben, dass Ich mich selbst bisher noch zu wenig mit dem Thema Klimawandel auskenne. Wie stark ist die Sahelzone Afrika’s vom Klimawandel betroffen?  Können Sie mich aufklären wie die Lage dort in diesen Ländern aussieht? 

Die Anerkennung von Frauen als Hauptakteurinnen bei der Entwicklung einer Widerstandsfähigkeit gegen den Klimawandel soll Wirklichkeit werden. Ältere Menschen sind zunehmend von Armut bedroht. Und schließlich sollte in allen Projekten auch geschlechtsspezifische Gewalt bekämpft werden. In der gegenwärtigen Covid-19-Krise ist ein Bewusstsein für diese Problematik besonders wichtig, da die Krise und die mit ihr einhergehende Ausgangssperre zu einem Anstieg der Gewalt gegen Frauen und Mädchen führt, eine Gefahr für die physische, psychische und Gesundheit von Frauen und ihrer Partizipation in der Gesellschaft im Allgemeinen und bei klimabezogenen Entscheidungen im Besonderen.

Wie sehen Sie die Auswirkungen der Klimakrise auf Frauen im Globalen Süden?

Frauen und Mädchen in der ganzen Welt leiden unter den Folgen des Klimawandels. Oft sind sie stärker von den klimawandelbedingten Auswirkungen betroffen.

Einen besonders hohen Anstieg haben die Agrarländer zu verzeichnen, die auf mehr Regenfall angewiesen sind und Dürren erlebten.

Frauen und Mädchen trifft das am heftigsten, da sie meist als Letzte etwas zu essen bekommen, beim Wasserholen größere Entfernungen zurücklegen müssen und es für sie eine immer größere Belastung wird, die ländliche Existenzgrundlage zu sichern.

Frauen wirken auch bei den Strategien zur Bewältigung und Anpassung an den Klimawandel mit. Als Bäuerinnen, Unternehmerinnen, Produzentinnen, Verbraucherinnen und Haushaltsvorstände sind Frauen einflussreiche Interessenvertreterinnen bei der Umsetzung in den Entwicklungsländern. Das macht Frauen zu treibenden Kräften für Veränderung bei der Bekämpfung im Globalen Süden.

Was ist Ihrer Meinung nach die Rolle der Frauen im Kampf gegen den Klimawandel?

Frauen und Mädchen spielen bei der Nahrungssicherheit eine zentrale Rolle, übernehmen den Großteil der Landwirtschaft und sind hauptverantwortlich für die Grundversorgung mit Lebensmitteln, Wasser und Brennstoff – Ressourcen, die alle aufgrund des Klimawandels immer knapper werden. Da es ihnen häufig an den wirtschaftlichen Mitteln fehlt, von technischen Verbesserungen wie Bewässerungssystemen zu profitieren, sind Kleinbäuerinnen auf die schwindenden Naturressourcen angewiesen, haben aber nicht den gleichen Zugang zu produktiven Ressourcen hätten wie Männer.

Kinder, allen voran Mädchen, können nicht zur Schule gehen, weil sie bei häuslichen Aufgaben helfen müssen, die vom Klimawandel betroffen sind.

Dazu kommt, dass sich Familien, deren landwirtschaftliche Einkommen aufgrund von Dürren oder Überschwemmungen sinken, keine Schulgebühren mehr leisten können und ihre Töchter häufig früh verheiraten.

Soziale und kulturelle Normen und Barrieren führen dazu, dass Frauen bei Entscheidungen in Bezug auf die Bewältigung des Klimawandels oft kein Mitspracherecht haben bei den Entscheidungen z.B. über die Verwendung von Haushaltseinkommen.

Frauen haben wenig Zugang zu und Kontrolle über die von ihnen benötigten Ressourcen, um sich auf den Klimawandel einzustellen, sich anzupassen, sich von den Auswirkungen zu erholen und ihr Leben umzustellen. Zudem sind ihre Rolle und ihre Verantwortlichkeiten (z. die Versorgung der Kinder) oft ein Hindernis für ihre Einbindung in das öffentliche Leben dar.

Kinder sind unsere Zukunft“ und „Bildung ist auch eine Erziehungsaufgabe“ Was können Frauen tun, um die Kinder einzubinden und zu motivieren?

Sich für die korrekte Anwendung der Gesetze stark zu machen, die Rolle als Erzieherin ernst nehme, bei der Bewusstseinsbildung mitwirken, die Kinder gesund erziehen, Hausaufgaben bei den Ressourcen sprich für Jungs und Mädchen gleich verteilen.

Werden Ihrer Meinung nach, in Burkina Faso die Frauen-Initiativen zum Schutz der Natur gegen den Klimawandel von der Regierung genug unterstützt?

Auch hier wird beachtet, dass die Beteiligung und Führungsrolle von Frauen bei der Erarbeitung, Umsetzung, Überwachung und Bewertung von Projekten und Programmen zum Klimaschutz muss größer werden, um sicherzustellen, dass diese Maßnahmen die klimabedingten Gefahren und Barrieren zur Geschlechtergleichstellung reduzieren.

Mit den entsprechenden Gesetzen – mit besonderem Fokus auf Frauen, werden sie dazu befähigt. Die Forderung nach rechtlicher Gleichstellung für Frauen innerhalb der klimabezogenen Interventionen bedeutet, dass die Gleichstellung gesetzlich anerkannt und die Diskriminierung von Frauen verboten wird.

Was sind Ihre Empfehlungen? 

Gesundheitsvorsorge oder (politische) Beteiligung / Partizipation von Frauen einschließlich Jugendvertretungen ermöglichen!

Einbeziehung von Genderfragen in die Klimafinanzierung:

Dies bedeutet 1) die strategische Ausrichtung der Klimafinanzierung auf die Bedürfnisse und Interessen von Frauen und Mädchen vorantreiben. 2) an der Klimafinanzierung beteiligten internationalen Akteure die Bemühungen auf verschiedenen Ebenen verstärken.

Dabei wäre eine bessere Anpassung zwischen internationalen Verpflichtungen und innenpolitischen Maßnahmen wünschenswert.

Gestaltung von Maßnahmen und aktive Beiträge zur Geschlechtergerechtigkeit leisten.

das Empowerment von Frauen bei allen Aktivitäten im Bereich Klimawandel berücksichtigen: a) Beteiligung und b) Frauen in Führungsrollen; c) Monitoring und Berichterstattung d) flankierende Maßnahmen wie Bildung, Information und Kapazitätsentwicklung e) Akzeptanz oder klimabezogenes Verhalten erzielen

Voraussetzungen für Geschlechtergerechtigkeit in der Klimapolitik:

Hierarchisierungen beseitigen (1);

Energiepolitik respektive Versorgungsökonomie sollte Frauen-Bedürfnisse berücksichtigen / Erwerbs- bzw. Betreuung und Sorgearbeit (2);

Erwerbsökonomie: Segregation, Schlechterstellung von Frauen in Berufswahl abschaffen, darüber hinaus Vermögensverhältnisse, Gender Gap bei Einkommen und Vermögen:

Frauen sind von der Unterstützung anderer abhängig, vor allem Alleinlebende und Personen mit niedrigem sozioökonomischen Status: sie leiden an Sozialer Isolation und fehlendem Zugang zu sozialen Netzen. Netzwerke auf kommunaler Ebene, Verwaltung, und Gesundheitswesen haben männlich dominierte Berufsgruppen. Pflege- und Erziehungseinrichtungen sind eher weiblich konnotiert (3).

Bei öffentlichen Infrastrukturen: Bereitstellung und Zugang zu Ressourcen (4);

Institutionalisierter Androzentrismus: Keine Genderhierarchisierungen (5);

Bei Entscheidungsstrukturen und Aufgabenverteilung im Netzwerk sind darauf zu achten, dass keine geschlechterhierarchisierenden Zuschreibungen erfolgen. Bei der Gestaltung auf Akteursebene: Teilhabe an und Berücksichtigung von Genderexpertise bei Entscheidungen in Wissenschaft, Technik und Politik (6);

Körper und Gesundheit: Gewaltfreiheit und politikpraktische Ansatzpunkte angesichts der globalen existenziellen Herausforderungen des Klimawandels (7).

In Spanien soll jetzt das Geschlecht frei wählbar werden ab 16 Jahren. Diese freie Regelung gilt derzeit nur noch in Dänemark, Malta, Luxemburg, Belgien, Irland und Portugal. Die anderen Länder haben Regularien, beispielsweise dass man sich umoperieren lassen muss, oder ärztliche Gutachten. Es ist daher notwendig, “Gender” mit anderen Variablen zu messen als mit dem biologischen Geschlecht und der bipolaren Aufteilung in männlich und weiblich. In diesen Bereichen sollten künftig Ansätze gesetzt werden. Diese Aspekte werden auch Auswirkungen bei der Auswertung der Gender-Frage haben.

Dr. Tall hat mit uns ein paar Bilder geteilt: